Mit ganzem Herzen Europäer
Vom eisernen Patriarchen über den durchtriebenen Charmeur bis zum gewissenlosen Ganoven: Mario Adorf war schon in mehr als 200 Filmen zu sehen. Mit 81 Jahren übernimmt er eine neue Rolle – jedoch nicht auf der Leinwand. Deutschlands beliebtester Schauspieler sorgt sich um die Zukunft seiner Heimat: Europa
Die Wohnhalle im Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten ist weit mehr als ein luxuriöser Wartesaal. Wer den Salon mit seinem kostbaren Mobiliar betritt, fühlt sich augenblicklich zurückversetzt in die Zeit um 1900, als die hanseatische Hautevolee ihren Fünf-Uhr-Tee zwischen roten Vorhängen, antikem Ledergestühl und klassischen Ölgemälden zu sich nahm – gut geschützt vor gesellschaftlichen oder meteorologischen Stürmen.
Der Herr mit dem vollen weißgrauen Haar und dem markant geschnittenen Schädel, der an einem der Tische seinen Tee genießt, könnte fast zum Inventar dieser Inszenierung gehören: Mario Adorf liebt Herbergen mit dem gewissen Etwas und steigt hier gerne ab. „Die Sommermonate verbringe ich aber lieber an der Côte d’Azur, weil es dort angenehm warm ist und ich das Meer liebe“, verrät der sonnengebräunte Star.
Ansonsten lebt Adorf vorwiegend in Paris oder München – jener Stadt, in der er 1986 in Helmut Dietls Kult-serie Kir Royal als Klebstoff-Krösus brillierte. Mit einem beherzten Griff in seine Brieftasche stellte der den Klatschreporter Baby Schimmerlos kalt, gespielt von Franz Xaver Kroetz, und dessen Kamera-Kumpel Herbie, dargestellt von Dieter Hildebrandt. Den Großkotz gab Adorf auch in Straßenfegern wie Der große Bellheim (1993) oder Der Schattenmann (1996) so authentisch, dass er dafür mit Auszeichnungen wie der „Goldenen Kamera“ oder dem „Adolf-Grimme-Preis“ überhäuft wurde.
Übermäßig stolz ist er auf diese Leistungen jedoch ebenso wenig wie auf sein wandlungsfähiges Spiel unter Regie-Regenten wie Volker Schlöndorff, mit dem er 1979 Die Blechtrommel, oder Rainer Werner Fassbinder, mit dem er 1981 Lola drehte: „Ich habe nie ein Drehbuch geschrieben oder Regie geführt, sondern nur meine Rollen gespielt, so gut ich konnte“, erklärt er bescheiden.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn der Spross einer deutschen Röntgenassistentin und eines Chirurgen aus Kalabrien hat früh erkannt, dass ihn die Frauen mögen. Schon als Halbwüchsiger bezirzte er die Nonnen im Waisenhaus des Eifelstädtchens Mayen. Dorthin brachte ihn die alleinerziehende Mutter, wenn sie arbeiten musste. Wie viele Jungs seines Alters begeisterte sich Adorf für Fußball und vergötterte Ruhrpott-Helden wie Fritz Szepan und Ernst Kuzorra vom FC Schalke 04, brachte es aber nur zum Torwart der örtlichen Jugendmannschaft.
Noch heute schlägt das Herz des Schauspielers für das runde Leder. Allerdings gelten Adorfs Sympathien nun einem süddeutschen Verein: „Ich bin Anhänger von Bayern München“, verrät er. „Leider kann ich die Spiele nur selten im Fernsehen verfolgen. Aber über die Ergebnisse informiere ich mich immer, selbst wenn ich im Ausland bin.“ Und das ist ziemlich oft der Fall: Italien und Frankreich kennt der Kosmopolit, der während seines Studiums der Theaterwissenschaften die Schauspielerei entdeckte, wie seine Westentasche.
Aber auch in den USA stand er mehrfach vor der Kamera, beispielsweise mit Hollywood-Regisseur Sam Peckinpah für das Western-Epos Sierra Charriba (1964), in dem Adorf einen braven Mexikaner in der Nordstaatenarmee spielte, der sich seines Ursprungs bewusst wird.
Über ein halbes Jahrhundert später sitzt Mario Adorf am Jungfernstieg und lässt den Blick aus den zusammengekniffenen, aber hellwachen Augen durch den wohltemperierten Gastraum gleiten. „Ich habe selten in meinem Leben die Initiative ergreifen müssen. Vieles hat sich einfach ergeben.“ So brachte dem „Bonvivant im Tänzelschritt“, wie ihn einmal Der Spiegel nannte, die künstlerische Liaison mit Regisseur Dieter Wedel die besten Momente seiner an Höhepunkten nicht gerade armen TV-Karriere.
Mehr als ein Dutzend Filme haben die beiden gemeinsam gedreht – vom Großen Bellheim, in dem Adorf demonstrierte, dass sich hinter einem gnadenlosen Firmenlenker ein Mensch mit sensiblen Antennen verbergen kann, bis zum Schattenmann, für den der Schauspieler mit beeindruckender Intensität den Abstieg eines Mafia-Bosses nachzeichnete. Die Männerfreundschaft zerbrach jedoch jäh, als Wedel den Intendantenposten der Wormser Nibelungen-Festspiele übernahm. Adorf wurde von seinem langjährigen Partner übergangen, obwohl er einer der Initiatoren des Festivals war. Seither herrscht Funkstille – und daran wird sich laut Adorf auch künftig nichts ändern: „Der Mann hat mich verraten. Das gehört zu den wenigen Dingen, die ich nicht verzeihe.“ Eisig tritt Deutschlands beliebtester TV-Pate nach: Der einstige Partner befinde sich seit dem Schattenmann ohnehin „qualitativ im Abwärtstrend“.
Ganz im Gegensatz zu Adorf, der beispielsweise 2010 im Familiendrama Der letzte Patriarch als süßsaurer Marzipan-Magnat begeisterte. Im Januar ist der 81-Jährige in einer Romanverfilmung in der ARD zu erleben: Die lange Welle hinterm Kiel. Adorf spielt in dem Melodram um Schuld und Sühne einen ehemaligen tschechischen Widerständler, der am Ende des Zweiten Weltkrieges deutsche Männer im Sudetenland liquidieren lässt. „Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen“, betont Adorf. „Die Menschen in den Grenzgebieten der heutigen Tschechischen Republik haben sehr viel Leid erlebt.“
Auch was die aktuelle politische Lage angeht, ist Adorf ein scharfzüngiger Beobachter. „Ich habe mich nie nur als Deutscher oder Italiener gefühlt, sondern immer als überzeugter Europäer. Aber jetzt habe ich große Angst um die europäische Idee.“ Dann beugt er sich weit nach vorn zu seinem Gegenüber und flüstert: „Wie lange wird der Kapitalismus noch funktionieren? Die materielle Gier zerstört alles!“ Selbst Adorfs Liebe zu seiner langjährigen zweiten Heimat ist erkaltet: „Silvio Berlusconi hat das Land mit seiner finanziellen und medialen Allmacht in den letzten Jahren so stark geprägt, dass sich viele meiner Freunde ihrer Herkunft schämen. Auch ich habe meinen Wohnsitz in Rom inzwischen aufgegeben.“
Das Dolce Vita interessiert den einstigen Partylöwen, der früher gerne mit den Schönen und Wichtigen feierte, nicht mehr. Mehr als 40 Jahre lebt Mario Adorf schon mit seiner französischen Frau Monique zusammen, seit 1985 ist das Paar verheiratet. Darauf angesprochen, zieht Adorf seine buschigen Augenbrauen hoch, die ihn noch immer zum maskulinen Zampano machen, und sinniert: „Ich habe immer gesagt, dass der Mensch nicht für bedingungslose Treue geschaffen ist. Für mich fängt eine Beziehung nach dem ersten Seitensprung erst an. Aber die Verlockungen treten mit den Jahren in den Hintergrund, und aus stürmischer Liebe wird ein tiefes gegenseitiges Vertrauensverhältnis.“
Auch allen die Gesundheit gefährdenden Lastern hat der Filmsenior längst abgeschworen: Er trinkt mäßig, raucht nicht, fährt lieber Mercedes A-Klasse als einen potenten Sportwagen – und sitzt kaum vor dem Fernseher, was freilich vor allem am geschmacksarmen TV-Brei liegt: „Für mich ist die Einschaltquote ein Schimpfwort“, so Adorf. „Zum ersten Mal wurde mir das klar, als ich nach dem ersten Teil von Via Mala vom ZDF-Programmdirektor angerufen wurde, der mir gratulieren wollte. Ich glaubte, zu meiner darstellerischen Leistung – aber nein! Zur Traumquote von 49 Prozent!“ Er sei traurig über die Entwicklung des Fernsehens. „Wann sieht man denn wie in den Anfangszeiten, als ich schon dabei war, noch Klassiker oder anspruchsvolle Filme zur Hauptsendezeit?“
Von den weniger gelungenen Streifen, bei denen er mitgewirkt hat, möchte Adorf keinen ungeschehen machen: „Schließlich habe ich nie einen Porno gedreht“, sagt er amüsiert. Manchmal beneide er aber „Maler oder Schriftsteller, die Missratenes vernichten können, bevor es an die Öffentlichkeit kommt. Das ist bei Film und Fernsehen nicht möglich.“
Dass es auch in Zukunft genügend spannende Stoffe gibt, glaubt der Charakterdarsteller auf jeden Fall. Ihn selbst würde beispielsweise die Verfilmung von Karl Marx’ Leben reizen. Ans Abtreten mag Mario Adorf aber nicht denken: „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, die Lust an der Arbeit und am Leben zu verlieren. Als ich neulich in einem Restaurant speiste, kam der Besitzer zu mir an den Tisch und sagte: ,Herr Adorf, ich sehe mit Vergnügen: Sie glauben an ein Leben vor dem Tod!‘ Genau das ist es!“
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