Interview mit Otto
Mit dem Kinofilm Otto's Eleven und ungewohnt ernsten Gedanken zu sich und seiner Spaßkultur.
By Christiane KolbKann der Mann ernst sein? Oder werden die seriösen Fragen vor lauter Klamauk auf der Strecke bleiben? Beim exklusiven Reader’s Digest-Interview in Hamburg wird schnell klar: Er kann. Otto Gerhard Waalkes, der bekannte und beliebte Komiker, antwortet konzentriert und verbindlich. Trotzdem: Ab und zu kann er nicht anders und lässt seiner Lust am gepflegten Reim freien Lauf. Oder er singt – die Gitarre liegt für alle Fälle an seiner Seite. „Hollederidi“, ruft er dann und strahlt.
Otto ist Komiker mit Leib und Seele und macht auch kurz vor dem Rentenalter am liebsten – Quatsch. Seine zappelige Energie kanalisierte er während 38 Berufsjahren in fast 20 TVShows, rund zwei Dutzend Schallplatten, neun Kinofilmen, zahlreichen Büchern und aktuell in seiner neuesten Kinokomödie Otto’s Eleven. Sein Motto heißt: „Bloß nicht erwachsen werden“, und das lebt er auch mit 62 Jahren aus. Er trägt einen knallblauen Kapuzensweater, lässig weite Jeans und die obligatorische Baseballkappe. Mit diesem Outfit, den blauen Augen und Lachgrübchen, die frisch statt faltig wirken, scheint er tatsächlich alterslos.
Wenn Otto spricht, hat man den Eindruck, dass sich die Wörter zu überholen versuchen. Seine Komik ist witzig wie eh und je: In der neuen Komödie Otto’s Eleven bricht Otto als Wattmaler mit vier Freunden auf, um sich ein wertvolles Gemälde zurückzuholen, das ihm der Casinobesitzer Jean Du Merzac (alias Sky du Mont) geraubt hatte. Ein spaßfeuerwerk erster Güte. Im Interview dagegen macht Otto Waalkes ernst – und gewährt ungewohnt nachdenklich Einblicke in sein Leben, in Höhen und Tiefen, in seine Komik und seine persönliche Narrenfreiheit, die er sehr genießt.
Reader’s Digest: Wie kamen Sie darauf, Steven Soderberghs Kinoerfolg „Ocean’s Eleven“ zu parodieren?
Otto Waalkes: Zuerst war es nur das Wortspiel mit dem Titel, das mir gefallen hat. Die Zahl passt: Erst waren es Die Sieben Zwerge, jetzt Otto’s Eleven, in Zukunft vielleicht Otto und das dreckige Dutzend, Otto Baba und die vierzig Räuber und dann 101 ostfriesische Dalmatiner! Der Film ver verbeugt sich vor dem Vorbild, ist aber keine Parodie, dazu hat er zu viel Eigendynamik entwickelt.
RD: Stammen die Musikeinlagen alle aus Ihrer Feder?
Otto: Ja, das ist typisch für einen Otto-Film. Ich liebe das, weil ich ja von der Musik her komme (singt eine der
Film-Einlagen): „Wo wir zu Hause sind, das weiß doch jedes Kind, da weht ein frischer Wind, durch unseren Spind, mzp, mzp, mzp, ein frischer Wind durch unsren Spind. Boink. Ha.“
RD: Sie bringen die Welt zum Lachen. Worüber lachen Sie eigentlich selbst?
Otto: Über mich. Das fand ich ganz witzig gerade, oder?
RD: Stimmt. Aber können Sie auch aber deutsche Comedians der jüngeren Generation lachen, etwa über Cindy aus Marzahn, Johann König oder Mario Barth?
Otto: Ja, Cindy habe ich neulich in Hamburg gesehen, sie war überraschend gut, Mario ist auch sehr, sehr eigenständig. Ich mag aber auch Hape Kerkeling und Helge Schneider, Bastian Pastewka, Mirco Nontschew, Max Giermann und und und. Das sind große Talente, sonst würde ich mit denen nicht zusammenarbeiten.
RD: Verfolgen Sie die Sendungen der Komiker-Kollegen im Fernsehen?
Otto: Klar, regelmäßig von zu Hause aus. Und auch live. Wir kennen uns doch alle, sitzen nach der Show zusammen und haben Spaß. Arbeit und Privatleben kann ich nicht trennen, zu beiden gehört bei mir viel reden, viel fernsehen, viel hören, lesen, gucken, alles mitbekommen, offen sein.
RD: Schauen Sie sich auch ernste Programme oder den „Tatort“ an?
Otto: Ja, alles. Neulich habe ich sogar Bauer sucht Frau geguckt.
RD: Was halten Sie davon?
Otto: Das ist klasse – das lässt sich alles parodieren! Genau wie Werbung (er singt auf „We will rock you“ von Queen): „Opa ist Handwerkerkönig, hämmert jeden Tag, und er macht uns noch wahnsinnig, haut Löcher in die Wand, bringt uns um den Verstand und bohrt sich den Nagel direkt durch die Hand. So viel Scheiß baut Opi.“
RD: Was darf Humor, und wo hört der Spaß auf?
Otto: Was ich nicht mag, ist, wenn Leute auf der Straße überfallen werden und man sich über ihre unbedarften Antworten lustig macht. Wenn man sich für einen Gag einen Schwächeren sucht und den vorführt, statt sich selbst etwas auszudenken. Ich finde, Komik sollte von unten kommen und nicht von oben herab.
RD: Ihre Komik galt nie als besonders gesellschaftskritisch. Ihr neuer Film jedoch nimmt die Fremdenfeindlichkeit ausgiebig aufs Korn. Ist Ihr Humor politischer geworden?
Otto: Nein. Wenn man als Komiker Tabus bricht, hat das immer ein gesellschaftskritisches Element, mal mehr, mal weniger. Ich bin aber kein Kabarettist, das ist nicht meine Richtung – über meine Nummern kann man nachdenken, muss man aber nicht. Ich mag mein Publikum nicht bevormunden.
RD: Sie sind fast 40 Jahre im Spaß-Geschäft. Würden Sie sagen, dass sich der Humor seit den Siebzigern verändert hat?
Otto: Ich finde, er hat sich bereichert, mit vielen neuen Formen und Comedians. Andererseits ist es schwerer geworden, Tabus zu brechen. Eines aber hat sich für uns Komiker grundlegend gewandelt: Früher konnte man davon ausgehen, dass alle im Publikum Sendungen wie Das Wort zum Sonntag, Die Hitparade, Sportschau oder bestimmte Werbespots gut kannten. Heute frage ich mich schon selbst manchmal bei Parodien: Welcher Schuldenberater, Fernsehkoch oder welche Castingshow ist denn jetzt gemeint? Es dauert länger, bis etwas parodiefähig wird, weil es so viele konkurrierende Programme gibt.
RD: Und hat sich Ihre Komik auch verändert?
Otto: Geblieben ist das jugendliche Aussehen (zupft sich kokett an den Haaren), die Musik, Lieder und Geschichten, die Gitarre, das frische Auftreten, Parodien, Reime, Kalauer. Ich habe einen Vorteil: Ob man nun eine Vorlage kennt oder nicht – für meine Komik bleibt die Sprache die gemeinsame Grundlage, da kann jeder mitlachen.
RD: In den Neunzigerjahren hat man nicht so viel von Otto gehört. Was war da los?
Otto: Eigentlich habe ich immer an etwas gearbeitet, einem Film, einer Show, einer Tournee. Etwas zu entwickeln dauert oft jahrelang. Aber wenn du zu viele Filme machst, Otto der Film, Otto der neue Film, Otto der alte Film, Otto der Tesafilm oder Otto der Ölfilm, dann erschöpft sich das irgendwann. Und plötzlich kommen Die sieben Zwerge, bamm, und es geht wieder weiter.
RD: Jeder hat mal Tiefpunkte. Wie überwinden Sie Ihre?
Otto: Indem ich den nächsten Höhepunkt ansteuere. Und mich frage: Was würde mir noch Spaß machen? Was kann ich besser machen? Selbstzweifel finde ich normal. Ich habe ständig Bedenken, ob etwas wirklich komisch ist. Wenn es funktioniert, freue ich mich umso mehr.
RD: Wie entwickeln Sie Ihre Nummern?
Otto: Manchmal laufe ich durch die Küche, und mir fällt etwas ein. Dann schreibe ich es auf. Später diskutiere ich jedes Wort mit Freunden, Autoren wie Bernd Eilert und für Otto’s Eleven natürlich mit dem Regisseur Sven Unterwaldt. Wir ziehen uns in einer Runde wochenweise ins Scherzbergwerk zurück, da wird gebuddelt und geschürft, das ist Drecksarbeit.
RD: Testen Sie Ihre Gags eigentlich an anderen?
Otto: Ja, an meiner Ehefrau, an Kindern, Taxifahrern oder Kellnern. Wenn der Taxifahrer lacht – vor dem Trinkgeld –, dann funktioniert es.
RD: Geht es Ihnen nicht auf die Nerven, wenn alle nur darauf warten, wie lustig Sie sind?
Otto: Nein, ich empfinde es als große Bestätigung, wenn sich die Menschen über mich freuen. Man lernt nur nette Leute kennen: „Ach Otto, Sie wollte ich schon immer kennenlernen“ – „Ich Sie auch“, sage ich dann.
RD: Wie witzig sind Sie im Alltag?
Otto: Hat man Lust, jeden Tag das Gleiche zu tun? Nein. Aber meistens habe ich Lust, kreativ zu sein. Da wache ich auf und will gleich ein bestimmtes Stück auf der Gitarre spielen – dann gehe ich hin und spiele. Manchmal, wenn ich verkatert bin, bleibe ich lieber gleich im Bett. Fernseher an, Beine hoch, oder rausgucken Hollederidi.
RD: Woher stammt eigentlich der berühmte Otto-Gang?
Otto: Der ist schon früh auf der Bühne entstanden, um schnell abzugehen: Knie hoch, Hände anziehen und weg. „Da kommt er wieder“, sagten die Leute plötzlich, und so wurde der Gang zu einem Erkennungszeichen. In Otto’s Eleven verfallen sogar schöne Frauen in den Otto-Gang.
RD: Haben Sie noch Kontakt zu Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen, mit denen Sie in Ihrer Studentenzeit zusammen wohnten?
Otto: Klar, wir sehen uns ab und zu. Mann, das war abenteuerlich, wir bewohnten mit 14 Mann eine weiße Villa nahe der Hamburger Außenalster, gleich da, wo Gunter Sachs seine Bude hatte. Heute ist das eine der feinsten Adressen in Hamburg.
RD: Ihre ehemaligen Mitbewohner sind Rockstars, das war einst auch Ihr Traum. Sind Sie traurig, dass daraus nichts geworden ist?
Otto: In den Sechziger-, Siebzigerjahren wollte jeder Popstar werden. Aber das bin ich einfach nicht, ich habe schon immer Komik und Musik gemischt. „Hollederidi“ war mein Pausenzeichen, auf das ich mich schon vorher gefreut habe. Und wenn ich manche Stars von damals sehe, die heute auf Revival-Tour gehen, dann bin ich froh, dass nichts daraus geworden ist. Außerdem spiele ich ja noch mit meiner Band, den „Friesenjungs“, auf Konzerten, eingedeutschte Rocksongs, Coverversionen, Eigenkompositionen. Alles, was mir Spaß macht.
RD: Ist Ihr Humor angeboren?
Otto: Angeboren, ich weiß nicht. Aber ich wurde nie richtig ernst genommen, weil ich kleiner war als die anderen und eine helle Stimme hatte, die lustig klang. Ich sah im Profil aus wie der Hohnsteiner Kasper (eine Puppe, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren im TV zu sehen war). Die Leute haben darauf reagiert, und ich entsprechend. Das hat sich so fortgesetzt bis heute, und das hat merkwürdigerweise kein Verfallsdatum und keine Altersgrenze, denn auch Kinder sagen zu mir: „Du bist so lustig.“
RD: Gibt es denn auch Dinge, die Sie ernst stimmen?
Otto: Ja. Nachdenkliche Gespräche wie dieses hier, die hinterfragen, was ich tue.
Otto Walkes
1948 Otto Walkes wird am 22.Juli in Emden/Ostfriesland geboren. Mit elf Jahren tritt er in einem Kaufhaus mit dem „Babysitter-Boogie“ auf, mit 16 spielt er erstmals mit seiner Band „The Rustlers“ im Raum Emden.
1970 Studium der Kunstpädagogik in Hamburg.
1972 Erster großer Auftritt als Komiker mit den „Rustlers“ in Hamburg, die LP „Otto“ erscheint.
1973 TV-Durchbruch mit der legendären „Otto-Show“. Er wird zum populärsten Komiker des deutschen Fernsehens.
1985 Sein erster Kinofilm „Otto – Der Film“ bricht Zuschauerrekorde. Es folgen vier weitere Otto-Filme bis 2000.
1987 Eröffnung von „Dat Otto Huus“ in Emden als privatem Otto-Museum.
2004 Otto ist als Zwerg Bubi mit vielen deutschen Comedians im Kinofilm „7 Zwerge – Männer allein im Wald“ zurück auf der Leinwand.
2010 Sein neuester Film „Otto’s Eleven“ feiert Premiere, unter anderem mit Sky du Mont, Olli Dittrich, Mirco
Nontschew und Max Giermann.
2011 Fortsetzung seiner Tournee „Otto – Live“ vom 31.3. bis 15.5.2011. Otto ist seit September 2000 mit der 24 Jahre jüngeren Schauspielerin Eva Hassmann verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn aus erster Ehe und lebt in Hamburg-Blankenese.
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2 Kommentare |
| Ursula Doedens on 21 Dezember 2010 ,08:08 Otto allein oder mit z.B. Ralf Schmitz vertreiben alle Sorgen und bringen mich so lange zum Lachen, bis die Tränen fließen. Ich halte Otto für einen der besten Komiker dieses Jahrhunderts und hoffe, sein Witz und seine Kraft reichen noch viele, viele Jahre ! Lieber Otto, Ihnen und Ihrer Frau die herzlichsten Weihnachtsgrüße und alle guten Wünsche für 2011 und viele weitere Jahre. Ihre Fans Dr. Doedens, Klaus und Ursula |
| schlawiner2430 on 16 Dezember 2010 ,09:22 Otto live. Er hat eine ganze Generation bewegt. Heute noch genauso schön anzusehen oder zu hören wie zu Beginn seiner Karriere. Viele seiner Sprüche und Aussagen haben den Weg in die Gesellschaft gefunden. |
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