An Heiligabend 2009 führte Dr. Stephanie Martin zur Mittagszeit in ihrem Büro im Memorial Hospital in Colorado Springs, USA, ein Gespräch mit einer Patientin. Mit ihrem zierlichen Körperbau ähnelte die 42-jährige Ärztin eher einer Ballerina als der Chefin einer Risiko-Entbindungsstation in einer Großstadtklinik.

Dr. Martin erwartete einen arbeitsreichen, aber nicht ungewöhnlichen Tag, als während der Besprechung die dringende Durchsage kam: „Code Blau, Ostturm, Geburtsstation.“ In der US-Krankenhausterminologie steht Code Blau für den äußersten Notfall: Ein Patient hat einen Herzstillstand und muss sofort wiederbelebt werden. Auf einer Geburtsstation bedeutet das: Mutter und Baby schweben in Lebensgefahr.

Dr. Stephanie Martin rannte zur Geburtsstation. Nicht am Heiligen Abend, appellierte sie an sich, nicht heute! Ich darf heute niemand verlieren!

Tracy Hermanstorfer, 34, war an diesem Tag früh auf die Station gekommen; ihr Mann Mike, ein 38-jähriger Fernfahrer, war bei ihr. Sie war bei guter Gesundheit und erwartete, wie bei den beiden vorherigen Malen, eine normale Geburt. Eine routinemäßige Fruchtwasseruntersuchung hatte ergeben, dass sie einen Jungen bekam. Sie hatten auch schon einen Namen gewählt. Die Aussicht auf ein Weihnachtsbaby begeisterte das Paar.

Um 12.30 Uhr wurde Tracy nach mehreren Stunden Wehen müde. Man hatte ihr eine Epiduralanästhesie verabreicht, um die Schmerzen zu lindern. Die anwesende Schwester beobachtete sie genau. Der Herzschlag des Babys war etwas langsam; ein fetaler Monitor wurde an seinem Kopf angesetzt, aber es gab keine größeren Probleme. „Ruh dich aus“, sagte Mike zu seiner Frau. „Es sieht aus, als würde das ein langer Tag für dich.“

Als sie den Flur entlanghetzte, fühlte Dr. Martin den vertrauten Adrenalinstoß. Mit ihm kehrte eine Erinnerung zurück, die sie jedes Mal heimsuchte, wenn der Code-Blau-Alarm ertönte. Sie dachte zurück an jenen 4. Juli 1997, ihren ersten Einsatz als frisch gebackene Assistenzärztin auf einer Entbindungsstation: Als verantwortliche Notfallärztin traf sie auf eine normale Geburt bei einer 21-jährigen Frau, bei der plötzlich etwas furchtbar schieflief.

Fruchtwasser war aus der Plazenta ausgetreten und in den Blutkreislauf der Mutter geraten. Dies löste offenbar eine heftige allergische Reaktion aus. Die Frau hatte innere Blutungen – klassisches Anzeichen einer Fruchtwasserembolie. Binnen Minuten versagten ihr Herz und ihre Lunge, der Herzschlag des Babys wurde schwächer. Trotz eines Notkaiserschnitts verlor Dr. Martin Mutter und Kind.

Die beiden Todesfälle versetzten die junge Ärztin in einen Gefühlstaumel. Sie verkroch sich tagelang in ihr Bett. „Zu was bin ich nutze?“, fragte sie sich. Niemand konnte ihr aus ihrer Depression helfen – nicht einmal ihr Mann Jeff, ein Arzt auf einer Neugeborenenstation. Der Wunsch zu heilen war Stephanie Martins Motivation, seit sie als Kind beschlossen hatte, Ärztin zu werden. Doch jetzt, da sie ihr Ziel erreicht hatte, lähmten sie plötzlich Zweifel.

Es dauerte Wochen, bis sie sich erholt hatte. Allein ihr Mut und der feste Wille, mehr über die Todesursachen bei Ungeborenen und ihren Müttern zu erfahren, gaben ihr die Kraft, in den Kreißsaal zurückzukehren. „Ich darf nicht aufgeben“, entschied sie. „Ich muss einen Weg finden.“

Jeder Notfall-Alarm in der Geburtsstation wurde zu einer neuen Herausforderung für sie – und ein Ansporn zu weiterer Forschungsarbeit. In den 13 Jahren nach dem Zwischenfall vom 4. Juli wurde Dr. Martin zu einer Spezialistin auf dem Gebiet des Herzstillstands bei werdenden Müttern.

Tracy schloss die Augen und schien einzunicken. Mike hielt ihre Hand. Sie fühlte sich kalt an. Er blickte Tracy ins Gesicht und sah, dass sich ihre Lippen blau färbten und ihre Haut durchscheinend weiß war. Irgendetwas stimmte nicht. „Was ist hier los?“, rief er verzweifelt, als die Schwestern an Tracys Seite eilten. Eine begann mit der Wiederbelebung, eine andere löste den Code-Blau-Alarm aus. Mike erinnert sich, dass er in den Flur gedrängt wurde, als Ärzte und Helfer in den Raum strömten. Kurz darauf kamen zwei Geistliche zu ihm.

Nur eine Minute war seit dem Alarm vergangen. Dr. Martin stürmte in den Entbindungsraum. Tracy lag in ihrem Bett und bewegte sich nicht. Ihr Blutdruck war nicht mehr spürbar, und sie atmete nicht. Eine Schwester begann mit der Herzdruckmassage.

Tracys Zustand konnte mehrere Ursachen haben: eine Fruchtwasserembolie, eine allergische Reaktion auf die Narkose, eine spontane Arrhythmie, oder die Plazenta löste sich von der Gebärmutter, was dazu führte, dass diese sich mit Blut füllte. In solchen Situationen verlangen die Vorschriften, das Baby zu holen, bevor die Mutter wiederbelebt wird. Dr. Martin wusste, dass man die Mutter am ehesten retten konnte, wenn man den Fötus herausnimmt und die Plazenta entfernt. Dies entlastet das Herz der Mutter und erhöht die Chancen einer Wiederbelebung.

Zwei Teams begannen mit der Arbeit. Dr. Martin leitete das Chirurgenteam, das Tracy operieren und versuchen würde, sie wiederzubeleben. Das zweite Team stand bereit, um das Baby in Empfang zu nehmen und es wiederzubeleben. Hört eine werdende Mutter auf zu atmen, hat man ein Zeitfenster von fünf Minuten, bis das Baby einen Hirnschaden erleidet. Der fetale Monitor zeigte bereits, dass der Herzschlag des Babys schwächer wurde. Tracy wurde intubiert, um Luft in ihre Lunge zu pumpen und sie mit Sauerstoff zu versorgen, damit ihr Herz wieder zu schlagen begann.

Der wiederkehrende Albtraum von einer jungen Mutter, die verblutete, blitzte in Stephanie Martins Gedächtnis auf. Dann schob sie ihn beiseite. Sie würde hier und jetzt einen Notkaiserschnitt durchführen. Ein Tisch mit Operationsbesteck wurde hereingerollt. Dr. Martin streifte die Handschuhe über, eine Schwester setzte ihr den Mundschutz auf. Dann leerte Dr. Martin eine Flasche Desinfektionsmittel auf Tracys Bauch.

Sie nahm ein Skalpell und machte den ersten Schnitt – einen sechs Zentimeter langen horizontalen Schnitt am unteren Bauch. Der Schnitt blutete nicht, weil Tracys Herz nicht mehr schlug. Dann setzte sie den zweiten Schnitt, der die Gebärmutter öffnete.

Darin befand sich das durchscheinende Gewebe der Fruchtblase, in der das Baby lag. Die Ärztin zog das Gewebe auseinander. Ihre Hand ertastete den fetalen Monitor, der am Kopf des Babys angebracht war. Rasch hob sie das schlaffe Baby heraus, kappte die Nabelschnur und entfernte den Monitor.

Die Ärztin erkannte sofort, dass das Baby in kritischem Zustand war. Der Junge war blass und bewegte sich nicht. Dr. Martin übergab das Kind dem Neugeborenenarzt, der es auf den Wärmetisch legte. Dort würde man Mund und Nase des Kindes frei saugen, es trocknen und künstlich beatmen. Das Baby war in weniger als fünf Minuten auf die Welt geholt worden.

Dr. Martin wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Mutter zu, die inzwischen blau angelaufen war. Die Ärztin legte einen Finger auf Tracys Aorta – die große Arterie, die über den Bauch verläuft. Zu ihrem Erstaunen fühlte sie einen schwachen Herzschlag, so zart wie das Zucken eines Augenlids. „Wir bringen sie in den OP-Saal. Sofort!“, bestimmte Dr. Martin. Falls Tracy einen weiteren Eingriff brauchen würde, wäre dafür ein voll eingerichteter Operationssaal nötig.

Mike wartete draußen auf dem Flur. Als die Trage mit Tracy vorbeigeschoben wurde, sagte Dr. Martin: „Geben Sie ihr einen Kuss.“ Mike beugte sich zu seiner Frau und drückte seine Lippen sanft auf ihre Stirn. Er fürchtete, es könnte ein Abschiedskuss sein.

Im Operationssaal stellte Dr. Martin fest, dass der Herzschlag ihrer Patientin mittlerweile stark und regelmäßig war. Tracy wurde an ein Beatmungsgerät angeschlossen, das ihre Atmung unterstützen sollte. Die Ärztin entfernte die Plazenta. Bevor sie die Einschnitte verschloss, inspizierte sie die Organe noch einmal. Dabei forschte sie nach der Ursache für den Herzstillstand und danach, was das Herz wieder zum Schlagen gebracht hatte. Aber sie fand keine Hinweise.

Als sie fertig war, begleitete sie die bewusstlose, aber lebende und atmende Mutter auf die Intensivstation. Plötzlich erwachte Tracy, öffnete die Augen und zog sich den Beatmungsschlauch heraus. „Mein Baby heißt Coltyn“, sagte sie der Fremden im Arztkittel, die ihr Leben gerettet hatte.

Mike Hermanstorfer wartete noch immer. Er hatte Ärzte und Schwestern in den Kreißsaal laufen sehen, hatte gesehen, wie seine Frau auf einer Bahre davongerollt wurde. Er wusste nichts über den Zustand seines Sohns. Die Zeit schien sich endlos zu dehnen.

Dann winkte eine Schwester Mike ins Zimmer. Man legte ihm seinen Sohn in die Arme. Dem fassungslosen Vater schien das Baby leblos, doch es war einfach nur erschöpft von den Geburtsstrapazen. Dann rührte es sich in den Armen seines Vaters. Für Mike waren diese winzigen Bewegungen ein Wunder: „Er begann in meinen Armen zu leben“, sagt er. Wenig später waren Vater und Sohn auf der Intensivstation mit der Mutter vereint.

Am Abend erzählte Stephanie Martin ihrem Mann von den aufregenden Ereignissen des Tages. Noch nie habe sie so einen Fall gehabt. Tracys Herzstillstand hatte nicht die typischen Ursachen. Noch weniger erklären ließ sich, dass ihr Herz plötzlich und spontan wieder zu schlagen begonnen hatte.

Ein Jahr später beschäftigt Dr. Martin der Fall Hermanstorfer noch immer. Wie und warum hatte Tracy sich so rasch erholt? Die Ärztin forscht weiter über den Herzstillstand bei werdenden Müttern, damit sie anderen Ärzten zeigen kann, was in solchen Notfällen zu tun ist.

Tracy Hermanstorfer sagt heute, sie habe daraus gelernt, die nichtigen Sorgen des Alltags zu vergessen und sich an ihren drei Kindern zu erfreuen. Mike spricht von einem Wunder, geschehen an einem Heiligen Abend, als ein Kind geboren, eine Mutter gerettet und eine engagierte Ärztin in ihrer Berufung bestätigt wurde.

Lesen Sie mehr über das Wunder der Geburt ab Seite 140.

 

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