William Jefferson Clinton ist ein Mann von Welt, ein weit gereister Prominenter, der bei der Fußball-WM in Südafrika mit der gleichen Selbstverständlichkeit auftritt wie bei einem humanitären Einsatz in Indonesien. Als 42. Präsident der Vereinigten Staaten wurde er – selbst von seinen Verbündeten – als Big-Mac-Hamburger verschlingender, genussfreudiger, Saxofon spielender, verschlagener Anwalt aus den Südstaaten belächelt. Dabei gestanden ihm sogar seine Gegner Charme, Intelligenz und politisches Geschick zu.
 
Clinton hält sich politisch nach wie vor auf dem Laufenden. Wie früher verfolgt er die Meinungsumfragen – vor allem die Zustimmungswerte für seine Frau, Außenministerin Hillary Clinton. Einen Teil seiner Zeit verbringt er aber jeden Tag mit der Leitung der William J. Clinton Foundation – einer öffentlichen Stiftung, die sich der dringlichsten Probleme des Planeten annimmt. Ihr Vorzeigeprojekt ist die Clinton Global Initiative (CGI), die ihre Mitglieder (ohne selbst finanzielle Unterstützung zu leisten) in fünf Jahren zu 2000 „Handlungsverpflichtungen“ im Gegenwert von 63Milliarden US-Dollar veranlasst hat. Ihr gehören staatliche Organe ebenso wie gemeinnützige Organisationen und Privatpersonen an.
 
Die Programme der CGI haben fast 300 Millionen Menschen in über 170 Ländern besseren Zugang zu medizinischer Versorgung, einwandfreiem Trinkwasser und beruflicher Bildung ermöglicht. Ihre Mitglieder haben Wiederaufforstungsinitiativen und medizinische Forschung unterstützt und Tausende von  Kleinkrediten vergeben.
 
Nelson Mandela lobte die Initiative, weil sie „direkten Einfluss auf das Leben von Millionen Menschen in aller Welt“ nimmt. Präsident Barack Obama hat Clintons Arbeit „eine beachtliche Erfolgsbilanz“ bescheinigt. Bei der diesjährigen Hauptversammlung der CGI standen auf der Gästeliste einflussreiche Persönlichkeiten wie der amtierende Präsident und die First Lady, 60 aktuelle und ehemalige Staatschefs, aber auch der milliardenschwere Unternehmer Bill Gates, Schauspieler Ben Stiller und andere Stars.
 
Das zeigt ganz klar, dass Clinton mit seiner Stiftung nicht nur dazu beigetragen hat, den globalen Kampf gegen die Armut neu zu definieren, sondern auch neue Maßstäbe dafür gesetzt hat, was US-Präsidenten auch nach ihrer Amtszeit erreichen können.
 
Reader’s Digest: Es ist jetzt zehn Jahre her, dass Sie aus dem Amt geschieden sind. Körperlich sind Sie offenbar besser in Form als damals. Kommt das daher, dass Sie sich nicht mehr mit dem Pressecorps des Weißen Hauses herumschlagen müssen?
Bill Clinton: [lacht] Aber nein. Ich arbeite härter denn je. Doch nach meiner Herzoperation, bei der mir ein Stent eingesetzt wurde, habe ich beschlossen, mich herzschonender zu ernähren. Ich achte jetzt mehr darauf, was ich esse. Außerdem versuche ich, viel zu laufen, und betreibe auch Krafttraining. Ich fühle mich wohl.
 
RD: Diesen Sommer hat Ihre Tochter Chelsea geheiratet. Ist es schwer für Sie, sich an ihren neuen Familienstand zu gewöhnen?
Clinton: Das ist wirklich eine große Umstellung. Aber ich kenne den jungen Mann [den Schwiegersohn Marc Mezvinsky] schon sein halbes Leben lang. Die beiden sind erst seit drei Jahren ein Paar, waren aber lange Zeit befreundet. Ich halte viel von ihm, ich mag ihn, und ich glaube, die Zeit war reif. Ich vertraue meiner Tochter. Sie hat im Leben stets ein gutes Urteilsvermögen bewiesen.
 
RD: Haben Sie schon daran gedacht, wie es wäre, Großvater zu sein?
Clinton: Oh, das ist natürlich nicht meine Entscheidung, aber lassen Sie mich so viel sagen: Hillary möchte gern Großmutter werden – sogar noch lieber, als sie je Präsidentin werden wollte.
 
RD: Sprechen wir über die Clinton Global Initiative. Sie ruht auf „vier Säulen“ – Sicherung der medizinischen Versorgung, Stärkung der Wirtschaftskraft, Dienst am Bürger und Entwicklung von Führungskräften. Doch auch wenn Sie sämtliche globalen Probleme auf diese Bereiche eingrenzen, ist der Bedarf immer noch so groß, dass Sie ihn nie befriedigen können. Wie wählen Sie die konkreten Themen aus, die Sie anpacken?
Clinton: Zum einen versuchen wir, sie jedes Jahr so anzupassen und zu gestalten, wie es unseren Mitgliedern entspricht. In diesem Jahr werden wir Verpflichtungen vorschlagen, die ganz gezielt bestimmte positive Entwicklungen herbeiführen sollen – etwa dazu, wie die Energieversorgung eines Landes oder einer Gemeinschaft unabhängiger gemacht, aber auch Arbeitsplätze geschaffen werden können. Oder dazu, wie die Bildungschancen für Frauen und Mädchen verbessert werden können, die in den Bildungs- und Wirtschaftssystemen ihrer Heimatländer außen vor bleiben. Oder aber dazu, wie wir Technologie einsetzen können, die nicht nur unseren Kindern zugute kommt, sondern auch Kindern aus einkommensschwachen Familien in den USA und weltweit.
 
RD: Sie engagieren sich schon seit 35 Jahren für Haiti. Sie waren persönlich dort, Sie haben als Präsident US-amerikanische Soldaten hingeschickt, um die Lage zu stabilisieren. Doch Haiti hat bei dem „Führungsentwicklungs“-Quotienten, auf den die CGI so viel Wert legt, offenbar versagt. Die meisten Amerikaner glauben, Haiti wird erst auf die Füße kommen, wenn sein politisches System besser funktioniert.
Clinton: Ich bin überzeugt, dass die Haitianer wissen, dass sie ihr Land ohne ein zu guten Entscheidungen fähiges politisches Führungs- und Regierungssystem nicht nachhaltig aufbauen können. Mit dem dafür zuständigen Ausschuss – der zur Hälfte aus Haitianern, zur Hälfte aus Geldgebern besteht – versuche ich, die haitianische Gesellschaft und die Regierung des Landes so weit zu bringen, dass sich Haiti langfristig selbst erhalten kann. Ob wir das schaffen, weiß ich nicht, doch wir versuchen es. Zumindest wissen sie, wo das Problem liegt. Und ich ebenfalls.
 
RD: Eines der ganz großen Probleme Haitis ist, dass dort vor vielen Jahren die Wälder abgeholzt und nie aufgeforstet wurden. Die Lage erinnert mich an den Waldgipfel in Oregon in Ihrem ersten Amtsjahr als Präsident, als Sie mit der fragwürdigen Entscheidung zwischen Arbeitsplätzen und Umweltschutz konfrontiert waren. Warum ist das immer noch ein Thema?
Clinton: Für die meisten Armen in Ländern mit Aufforstungsproblemen – nicht nur in Haiti – ist das keine frag- würdige Entscheidung. Es ist vielmehr eine echte Alternative, weil nie jemand diesen Menschen geholfen hat, Arbeitsplätze zu schaffen. Niemand hat ihnen die Chance gegeben, an einer nachhaltigen Gesellschaft teilzuhaben. Sie wissen nur, dass ihre Kinder etwas zu essen brauchen und dass sie wieder ein paar Tage überleben können, wenn sie diesen Baum fällen und an die Holzkohleproduzenten verkaufen. Was sie brauchen, ist eine alternative Lebensgrundlage.
 
RD: Dasselbe Dilemma offenbarte sich nach der Ölpest im Golf von Mexiko – noch während das Öl auslief: „Strengere Regeln sind nicht möglich, weil sonst Arbeitsplätze verloren gehen.“ Sind wir da in einer überkommenen Denkweise verhaftet?
Clinton: Schauen Sie sich den Bundesstaat Louisiana an, der so schlimm betroffen war. Da kam sofort Widerstand,als über die Möglichkeit gesprochen wurde, die Offshore-Bohrungen auszusetzen. Warum? Weil die Menschen davon leben und einfach nicht wissen, womit sie sonst ihr Geld verdienen sollen – und weil ihnen niemand andere Möglichkeiten aufzeigt. Ich glaube nach wie vor, dass man den Amerikanern noch nicht richtig vermittelt hat, dass wir unendlich viel mehr Arbeitsplätze schaffen könnten, wenn wir unsere Solar- und Windkapazitäten maximierten. Im letzten Jahr wurde eine Erhebung zu den Kapazitäten mehrerer großer Länder für die Entwicklung von Sonnen- und Windenergie durchgeführt. Bei der Windkraft lagen wir dabei an zweiter Stelle, soweit ich weiß, und bei der Sonnenenergie an dritter. Ganz zu schweigen davon, was wir durch mehr Effizienz erreichen könnten. Wir müssen hier eine neue Welt aufbauen. Die alte Welt ist geordnet, die neue chaotisch. Die alte Welt ist sicher, die neue ungewiss. Aus diesem Grund sind die meisten Menschen gegen Veränderungen und wehren sich gegen den Wandel. Das müssen wir überwinden.
 
RD: Die CGI besteht seit fünf Jahren und hat 63MilliardenUS-Dollar lockergemacht. Wie machen Sie das? Nehmen wir an, Sie stehen im Aufzug neben dem mexikanische nMilliardär Carlos Slim oder einem anderen finanzkräftigen Spender. Wie argumentieren Sie?
Clinton: Ich sage immer, dass wir in einer Welt mit wechselseitigen Abhängigkeiten leben. All das Gute, zu dem ich andere überrede, tun sie also im Grunde in ihrem eigenen Interesse. Interessant, dass Sie gerade Carlos angesprochen haben, denn er gehört zu unseren größten Unterstützern. Carlos ist ein paar Jahre älter als ich. Uns fehlt nichts, aber wir sind über 60. Wie lange werden wir wohl noch leben, 20 Jahre, 30 oder mehr? Nehmen wir an, wir leben noch 30 Jahre und lassen es uns gut gehen. Doch wenn man an seine Kinder und Enkel denkt, dann ist eindeutig nicht tragbar, dass so viel Reichtum in so wenigen Händen liegt, während die Mittelschicht schwach ist und die Menschen leicht in die Armut abgleiten können. Ich versuche, all den wohlhabenden Menschen eines klarzumachen: dass ihr Engagement nicht nur in ihrem Interesse liegt, sondern auch in dem ihrer Kinder und Enkel.
 
RD: Jimmy Carter hat als Ex-Präsident Maßstäbe gesetzt. Haben Sie bei ihm Rat gesucht, nachdem Sie das Weiße Haus verließen?
Clinton: Ich stand praktisch laufend in Kontakt mit Carter, seit ich mein Amt angetreten hatte. Ich sah mir später genau an, wie er das machte – Wahlen überwachen sowie Menschenrechte und selbsttragende Landwirtschaft fördern. Ich informierte mich aber auch über den Werdegang anderer erfolgreicher Ex-Präsidenten wie William H. Taft, der zum Obersten Bundesgericht ging, oder Theodore Roosevelt, der eine neue politische Bewegung ins Leben rief. Thomas Jefferson erhielt dafür zwar nie offizielle  Anerkennung, hat aber als ehemaliger Präsident ebenfalls enorm viel geleistet.
 
RD: Als Sie mit George H. W. Bush nach dem Tsunami 2004 in den Südpazifik reisten, erlebten Sie beide, wie die US Marine eine unmilitärische Rolle übernahm. Damals ging es ausschließlich um humanitäre Hilfe.
Clinton: Als wir seinerzeit in die betroffenen Regionen reisten, erkannten wir unter anderem den großen Nutzen der psychologischen Betreuung traumatisierter Kinder. Man ließ sie ihre Gefühle und  Gedankenmalen und auch ihre Albträume. Am Anfang malten sie sehr düstere Bilder von Tod und Zerstörung und am Ende dann typische Kinderbilder: Sonne, Blumen und spielende Menschen. Irgendwann zeichnete jedes Kind einmal ein Bild von einer Rettungsaktion, und sie alle zeigten in irgendeiner Form, wie amerikanische Soldaten Leben retteten. Bush und ich schauten uns diese Bilder an und waren den Tränen nahe.
 
RD: Da wir gerade von Ex-Präsidenten sprechen: George W. Bush knüpfte an Ihren Kampf gegen Aids in Afrika an und brachte den Kongress dazu, deutlich mehr Geld dafür zur Verfügung zu stellen. Dann schieden Sie aus dem Amt und gründeten die CGI. Das wirkte beinahe wie ein freundschaftlicher Wettstreit darum, wer mehr Gutes tut …
Clinton: Ich habe George W. Bushs Programm gegen Aids und immer mehr auch gegen Malaria engagiert unterstützt und bin dankbar dafür. Dann zeigte er sich nach der Katastrophe auf Haiti an einer  Zusammenarbeit interessiert, wie ich sie mit seinem Vater nach dem Tsunami praktiziert hatte. Ich wünschte, Kongress und Parteiführer könnten anderen während ihrer Amtszeit so vertrauen wie ehemalige Präsidenten.
 
RD: Für alle, die nie Präsident waren – was lässt sich ganz allgemein daraus lernen?
Clinton: Suchen Sie sich eine Sache, die Ihnen wirklich wichtig ist und mit der Sie etwas bewirken können – egal, wie viel Zeit oder Geld Sie haben. Je älter ich werde, desto wichtiger ist mir, was unter dem Strich herauskommt: Geht es den Menschen besser, wenn ich aufhöre, als zu der Zeit, als ich anfing?
 
RD: Sie sprechen darüber, jungen College-Absolventen Ratschläge zu erteilen. Würden Sie ihnen empfehlen, in die Politik zu gehen, Journalist zu werden oder Philanthrop?
Clinton: Vor allem würde ich ihnen sagen, dass sie etwas haben, was viele Menschen in der Geschichte entbehren mussten: die Möglichkeit, eine solche Entscheidung zu treffen. Die große Mehrheit der Menschen, die auf der Erde gelebt hat, seit wir uns vor Jahrtausenden auf zwei Beine erhoben, konnte sich nicht aussuchen, wie sie leben wollte. Diese Wahlmöglichkeit ist daher ein großartiges Privileg. Ich würde also sagen, suchen Sie sich etwas, das Ihnen wirklich am Herzen liegt. Das ist das Wichtigste. Und ich würde hinzufügen: Ob Sie zum Militär gehen, Lehrer werden oder Dienst am Nächsten tun – tun Sie es mit aller Kraft. Und wenn Sie einen Beruf ergreifen, den Sie interessant finden und der nur indirekt mit anderen Menschen zu tun hat, bei dem Sie aber zu finanziellem Erfolg gelangen können, sollten Sie einen Teil Ihres Lebens darauf verwenden, etwas für andere zu tun. Denn auf dieser Welt ist jeder vom anderen abhängig – und es gibt noch zu wenig Gleichheit und Stabilität.

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1 Kommentare

marryxmas on 07 Dezember 2011 ,21:50

Bill Clinton war und ist meiner Meinung nach einer der besten amerikanischen Presidenten. Er engagiert sich auch noch für arme und bedürftige Menschen, selbst wenn er nicht mehr im Rampenlicht steht - und bewirkt dabei sehr viel. Ein Mensch, von dem man wirklich etwas lernen kann und sich ein Beispiel daran nehmen kann! Ich wünsche Bill Clinton für die Zukunft von ganzem Herzen Gesundheit, Mut, Stärke und dennoch auch ruhige und erholsame Stunden. Marry Christmas and a happy new year mister president and don`t stop thinking about tomorrow :) !!

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